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Netzwerkkabel. [4]

Wenn Klicks Stimmen wären

Das Informationsverhalten der Gesellschaft spiegelt sich in den Daten der Internetnutzung wider. Google und Wikipedia offenbaren, wie sehr sich Nutzer für gewisse Themen und Persönlichkeiten interessieren. Mithilfe von Abrufstatistiken werden Aktienkurse und Kinofilmeinnahmen vorausgesagt. Allerhöchste Zeit für ein Wikipedia-Wahl-Experiment.

Google und Wikipedia bilden den digitalen Puls der Gesellschaft ab. Wer diesen Puls zu fühlen vermag, der erfährt auch, was eine Gesellschaft beschäftigt und worüber sich Menschen informieren. Insbesondere Wikipedia wird oft als Ausgangspunkt genutzt, um sich einen Überblick zu einer Sache zu verschaffen. Auf dieser Tatsache beruhen Bestrebungen, mithilfe der Zugriffszahlen zu einzelnen Wikipedia-Beiträgen auch Aktienkurse vorauszusagen. Das solche Wikipedia-Trends auch für Wahlen brauchbar sind, zeigen Forscher des Oxford Internet Institute am Beispiel von Wahlen in England.[1]

Aus diesem Grund werden wir die Daten der Wikipedia-Abrufstatistiken der politischen Parteien der Schweiz unserem Experiment zugrunde legen. Wir wollen wissen, was sich aus den «digitalen Spuren» des kollektiven Informationsverhaltens herauslesen lässt. Die zentrale Frage ist, ob das Interesse, das den jeweiligen Parteien im Netz zukommt, Rückschlüsse auf deren Wählerpotential zulässt. Um uns abzusichern, vergleichen wir diese Zahlen mit der im Wahlbarometer ermittelten Parteistärke.[2]

der sonderfall bdp

Die vier stärksten Parteien sind auch jene mit den höchsten Anteilen am Traffic auf Wikipedia. Auch die Rangordnung stimmt weitgehend überein. Die SVP verzeichnet am meisten Zugriffe, danach folgen die Einträge der SP, der FDP und der CVP. Die einzige «Spielverderberin» ist die BDP. Als einzige Partei schafft sie im Wikipedia-Ranking einen besseren Platz als im Parteistärken-Ranking. Eine mögliche Erklärung für das überproportionale Interesse an der BDP liegt darin, dass die Partei mit Eveline Widmer-Schlimpf im Bundesrat vertreten ist. Gemessen an ihrer Parteistärke mag ihr somit auch in der medialen Berichterstattung überproportionale Aufmerksamkeit zukommen, was – zumindest hypothetisch – einen positiven Einfluss auf das Interesse im Netz haben könnte.

In der folgenden Grafik sehen Sie den durchschnittlichen Anteil der jeweiligen Parteiseiten am Tages-Traffic aller Parteiseiten. Wir raten dennoch zur Zurückhaltung: Die genauen prozentualen Anteile sind nicht direkt miteinander vergleichbar, da wir nur die in der Deutschschweiz wählbaren Parteien berücksichtigt haben, welche auch im Nationalrat vertreten sind. Dennoch offenbart der Vergleich ein spannendes Bild: Die Rangfolge der im Wahlbarometer erhobenen Parteistärken stimmt weitgehend mit der Wikipedia-Traffic Rangfolge überein.

Wozu taugen die Wikipedia-Daten?

Der starke Zusammenhang zwischen der Rangfolge der Parteistärke und des Wikipedia-Traffics bleibt bemerkenswert, obwohl sich die «rohen» Daten kaum für präzise Voraussagen eignen. Wir wissen natürlich, dass es unzählige Faktoren gibt, die das Interesse an Parteien im Netz beinflussen. Es scheint unwahrscheinlich, dass das Interesse der Wikipedianutzer an einer spezifischen Partei direkte Rückschlüsse auf deren tatsächliche Wahlabsichten zulässt. Der Indikator Wikipedia-Traffic lässt viel mehr darauf schliessen, wie präsent die politischen Gruppierungen und ihre Exponenten im öffentlichen Diskurs sind und ob es ihnen gelingt, auch das Interesse im Web auf sich zu ziehen. Dass sich die politischen Kräfteverhältnisse – abgesehen vom Sonderfall BDP – trotzdem in den Statistiken zur Wikipedianutzung wiederspiegeln, ist daher umso erstaunlicher.

Zu was das Wikipedia-Wahlbarometer tatsächlich taugt kann in diesem Beitrag folglich nicht abschliessend geklärt werden. Dazu müsste der Versuch unternommen werden, diese Daten im Schweizer Kontext in ein theoretisches Prognosemodell einzuspeisen.[3] Es bietet sich zudem an, weitere Experimente im Kontext von Personenwahlen durchzuführen, wo die Bekanntheit der Kandidaten eine wesentliche Rolle spielt.


 

[1] Die Bestrebungen der Forscher finden Sie hier.

[2] Den kompletten ersten Bericht des Wahlbarometers finden Sie hier.

[3] Die Daten zu den täglichen Abrufzahlen einzelner Wikipedia-Beiträge sind hier ersichtlich. Die durchschnittlichen Anteile am kummulierten Tagestraffic der berücksichtigten Parteien beziehen sich auf den den Zeitraum vom 1.1.2015 bis 13.3.2015. Die Anteile der Parteien verändern sich auch in den Monaten davor bzw. danach nur geringfügig.