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So «korrekt» stimmt die Schweiz ab

Was mit einem «korrekten» Stimmentscheid gemeint ist und was einen solchen begünstigt, haben wir besprochen. In diesem Blogpost stellen wir diejenigen Themefelder vor, welche sich gemäss der im ersten Artikel zitierten Studie durch einen hohen beziehungsweise tiefen Anteil korrekter Stimmentscheide auszeichnen.

#last: Sozialpolitik Platz 13

Der letzte Platz wird von der Sozialpolitik (13) belegt. Im Durchschnitt stimmen bei diesem Themenfeld rund 73% in Einklang mit ihren Präferenzen ab. Jedoch muss sogleich angefügt werden, dass der Schluss des Rankings dicht besiedelt ist. Sehr ähnlich sind die Anteile bei den Themenfeldern Insitutionen (75%), Agrar– (75.81%) und der Gesundheitspolitik (76.31%). Im Mittelfeld finden sich die Thematiken der Finanzpolitik, der Asylpolitik, des Strafrechts, Vorlagen rund um die Energiepolitik und solche, die einer Restgruppe zugeordnet worden sind.

Die Erfassung der «wahren» Präferenz ist natürlich abhängig vom Vorgehen und den Kriterien, die man anwendet. Man kann dabei besonders streng sein oder auch weniger. Für die Themenfelder mit den durchschnittlich höchsten Anteilen an «korrekt» Abstimmenden berichten wir deshalb sowohl den höchsten und tiefsten geschätzen Wert pro Abstimmung.

Dritter Platz

Etwas überraschend belegen Vorlagen, die dem Thema «Kultur» zugehörig sind, den dritten Platz. Im Durchschnitt konnten bei den Vorlagen zur Heroinverschreibung, der Fristenregelung, der Mutter-Kind-Initiative, dem Partnerschaftsgesetz und der Hanf-Initiative ca. 80% der Schweizer Stimmbürger ihre Präferenzen «richtig» umsetzen.

«Anteil korrekter Stimmentscheide» bei Kultur- und Gesellschaftspolitischen Vorlagen.
«Anteil korrekter Stimmentscheide» bei Kultur- und Gesellschaftspolitischen Vorlagen.

Zur Grafik: Jede vertikale Linie repräsentiert eine Abstimmung. Die Nummern bezeichnen die Abstimmungsnummern des Bundesamtes für Statistik. Die untere Grenze zeigt den konservativ geschätzen Anteil richtiger Stimmentscheidungen. Die obere Grenze ergibt sich, wenn die Kriterien, welche für einen richtigen Stimmenentscheid erfüllt sein müssen, etwas weniger streng formuliert werden. Die rote Line markiert den Durchschnitt.

Zweiter Platz

Sind Vorlagen rund um das Thema der Armee betroffen, so scheint sich die Stimmbürgerschaft ihrer Präferenzen im Klaren: Das Level an Correct Voting beträgt ca. 83%.

«Correct Voting» bei Sachabstimmungen rund um die Schweizer Armee.
«Correct Voting» bei Sachabstimmungen rund um die Schweizer Armee (Lesehilfe siehe oben).

Erster Platz

Der erste Platz belegt das Thema der Aussenpolitik. Bei Abstimmungen rund um die UNO und die EU (sowie biometrische Pässe) sind sich die Schweizer ihrer Präferenzen und deren Umsetzung bewusst: Über 84% stimmen gemäss der angewendeten Definition von Correct Voting «richtig» ab.

«Correct Voting» in Bezug auf die Thematik der Aussenpolitik.
«Correct Voting» in Bezug auf die Thematik der Aussenpolitik (Lesehilfe siehe oben).


Rangliste

 Anzahl VorlagenLevel an «Correct Voting»
Thema: Aussenpolitik1184.53 %
Thema: Armee782.55 %
Thema: Kultur580.29 %
Thema: Energiepolitik679.27 %
Thema: Asylpolitk1578.88 %
Thema: Rest2678.62 %
Thema: Strafrecht277.55 %
Thema: Umweltpolitik 1477.32 %
Thema: Finanzpolitik1576.94 %
Thema: Gesundheitspolitik 876.31 %
Thema: Agrarpolitik575.81 %
Thema: Institutionen1175.60 %
Thema: Sozialpolitik3073.53 %

 

Hier geht es zum Post zu «Correct Voting»: Wann ist ein Stimmentscheid korrekt

Wann ist ein Stimmentscheid «richtig»?

Immer wieder wird darüber spekuliert, ob die Bürgerinnen und Bürger fähig sind, den anspruchsvollen Aufgaben einer Demokratie gerecht zu werden. Können die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen ihre Präferenzen in einen entsprechenden Stimmentscheid umsetzen? Ja, mehrheitlich schon. Was sind die Einflussfaktoren?

Die Politikwissenschaft hat sich bereits vor Jahrzehnten von der Idealvorstellung des vollständig informierten Bürgers verabschiedet. Diesen Modellbürger gibt es nicht. Es ist aber auch nicht notwendig, alles über ein Thema zu wissen oder die Inhalte einer Vorlage fehlerfrei rezitieren zu können, um «richtig» entscheiden zu können. Vielmehr kommt es darauf an, ob einem die Umsetzung der eigenen Präferenzen mittels mentaler Abkürzungen – auch Heuristiken genannt – gelingt. Schliesslich, so argumentieren die Verfechter dieser realistischen Sichtweise von Demokratie, muss man ja auch nicht alles über die Funktionsweise des Verbrennungsmotors wissen, um ein Auto unfallfrei von A nach B zu steuern. In der schweizerischen Abstimmungsdemokratie kommen dabei vor allem drei Heuristiken zur Anwendung: Die Status Quo-Heuristik, die Partei-Heuristik und die Regierungsvertrauens-Heuristik (siehe Box). Wer nicht genau über eine Vorlage Bescheid weiss, aber ein überzeugter Parteianhänger ist und deren Parole folgt, der wendet die Partei-Heuristik an. Auch wenn die Untersuchungen von Hanspeter Kriesi zeigen, dass «das Schweizer Elektorat [zwar] generell fähig ist, Heuristiken anzuwenden, um angemessene Entscheide an der Urne zu fällen» [1], so ist noch nicht gesagt, dass die Stimmenden ihre Präferenzen damit auch korrekt umzusetzen vermochten. Oder anders formuliert: Wir wissen nicht, ob die Stimmenden tatsächlich anders gestimmt hätten, wären sie bis ins letzte Detail informiert gewesen.

Drei Heuristiken
Die Status-Quo-Heuristik ist vor allem für die notorischen «Neinsager», jene also, die generell gegen Veränderungen sind, eine attraktive Option: Denn ein «Nein» auf dem Abstimmungszettel bedeutet, dass sich nichts verändert und der Status Quo beibehalten wird. Bei der Anwendung der Regierungsvertrauens-Heuristik wird der Empfehlung der Exekutive gefolgt, weil sie als vertrauenswürdig und im Interesse aller handelnd eingestuft wird. Auf der anderen Seite wird fast blind gegen die Regierungsempfehlung gestimmt, wenn man ihr misstraut. Eine dritte Informationsabkürzung ist die Partei-Heuristik. Jene Wählenden, die diese Strategie anwenden, folgen der Parole ihrer bevorzugten Partei.

Was beeinflusst einen korrekten Stimmentscheid?

Um das herauszufinden, scheint es angebracht, anstelle einer Ideologie, die zwischen «richtig» und «falsch» unterscheidet, die Präferenzen der Wähler in das Zentrum zu stellen. Ein Abstimmungsentscheid gilt dieser Definition gemäss als «korrekt» oder «richtig», wenn eine Person ihre vorlagenspezifischen Präferenzen «korrekt» umsetzt. Dies nennt sich Correct Voting. Zum Beispiel: Wer bei der Pauschalbesteuerungsinitiative vom November 2014 die Argumente der Befürworter bejahte (und gleichzeitig diejenigen der Gegner verwarf), aber ein «Nein» auf den Stimmzettel schrieb, hat nach dieser Definition «falsch» gestimmt. Auf der anderen Seite gilt: Wer mit den wichtigsten Argumenten zugunsten einer Abschaffung der Pauschalbesteuerung einverstanden war und «Ja» stimmte, hat seine Präferenzen «korrekt» umgesetzt. Für diesen Beitrag wurden die argumentbasierten Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger für 155 Vorlagen erhoben. Basis dafür sind die Vox-Befragungsdaten. Mit ihnen lassen sich mittels einer statistischen Analyse (lineare Regressionsanalyse) die Faktoren ausfindig machen, die einen korrekten Stimmentscheid begünstigen, respektive erschweren (siehe Box am Ende des Artikels). Correct Voting ist dann der Anteil jener, die bei einer bestimmten Vorlage «korrekt» stimmen. Die wichtigsten Ursachen sind nachfolgend aufgeführt.

Die Schwierigkeit…

Nicht ganz überraschend spielt die materielle Komplexität eines Themas eine wichtige Rolle. Je einfacher eine Sachfrage, desto höher der Anteil derer, die «korrekt» entscheiden. Anders gesagt, je einfacher, alltagsnäher oder vertrauter eine Thematik ist, desto einfacher gelingt uns die Umsetzung unserer Präferenzen. Die Schwierigkeit des Vorlageninhalts beeinflusst auch massgeblich, ob wir eine Heuristik anwenden. Die untenstehende Grafik zeigt die Korrelation zwischen der Schwierigkeit des Themas und jenen, die irgendeiner Abstimmungsempfehlung gefolgt sind.

    Je schwieriger der Inhalt einer Vorlage wahrgenommen wird, desto eher wird Empfehlungen gefolgt.
Je schwieriger der Inhalt einer Vorlage wahrgenommen wird, desto eher wird Empfehlungen gefolgt.

Neben der Schwierigkeit beeinflusst die Intensität des Abstimmungskampfes, wie «gut» wir unsere Präferenzen umsetzen. Auch das leuchtet ein: Je intensiver um die Gunst der Stimmenden gekämpft wird, d.h. je mehr politische Inserate geschaltet werden, desto mehr Möglichkeiten haben jene, die für sie relevante Heuristik zu finden und diese anzuwenden. Denn, wer zum Beispiel nicht weiss, was eine Partei zur Abstimmung empfiehlt, kann sich der Partei-Heuristik nicht bedienen.

… und auch die Rolle des Bundesrates

Zu guter Letzt hat die Parole des Bundesrates einen Einfluss auf die Korrektheit der Stimmen – wenn auch in einer eigentümlichen Form. Bekannt ist, dass die Bundesratsparole bei Initiativen üblicherweise «Nein» lautet (zum letzten Mal «Ja»: Volksinitiative zum UNO-Beitritt 2002). Interessanterweise zeigt sich in der Analyse, dass das Vertrauen in den Bundesrat zusammen mit der BR-Parolenbefolgung mit einem höheren Anteil «korrekter» Stimmen assoziiert ist. Da es sich auch hier um aggregierte Daten handelt, sind damit nur Spekulationen möglich, um nicht einem Fehlschluss zu erliegen. Deshalb wird es spannend, zu zeigen, wie «korrekt» das Elektorat bei einzelnen Sachvorlagen abstimmt und was die Motive auf Individualebene sind. Insbesondere die Masseneinwanderungsinitiative dürfte hier von gewissem Interesse sein, wird doch von den Abstimmungsverlierern behauptet, dass bei vollständiger Information anders abgestimmt worden wäre. Wir werden dies tun. Es sei vorweg genommen, dass das Schweizer Elektorat generell «korrekt» abstimmt, so zum Beispiel bei der Minarettinitiative: Der Anteil «korrekt» Stimmenden betrug rund 90%.

 von Thomas Willi

 

Berechnung von Correct Voting

Ein korrekter Stimmentscheid bezeichnet jenen Stimmentscheid, der mit «the respondent’s argument-based position» übereinstimmt. Diese Definition zeigt sogleich die Messung des Konzepts: In den Vox-Nachabstimmungsumfragen werden die Befragten mit Argumenten für und gegen die Vorlage konfrontiert und nach ihrem Grad der Zustimmung gefragt. Jemand, der den Pro-Argumenten stets voll zustimmt und die Contra-Argumente ablehnt, sollte entsprechend JA gestimmt haben. Die materielle Komplexität oder Schwierigkeit basiert auf der Antwort von Befragten, ob eine Vorlage als schwierig empfunden wurde.

 

[1] Kriesi, Hanspeter (2005). Direct Democratic. The Swiss Experience Choice. Lanham: Lexington.