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So gehen die nationalen Juni-Abstimmungen aus – vielleicht

Welcher Ausgang ist am kommenden Abstimmungssonntag am wahrscheinlichsten? Auf Antwortsuche mit Hilfe eines experimentellen Prognosemodells, das wir künftig regelmässig verwenden wollen.

Wir befinden uns nicht in den USA und können auf zig verschiedene Umfragewerte zurückgreifen, diese auswerten und damit eine Prognose erstellen. Die hiesige Realität sieht anders aus: Lediglich zwei Umfrageinstitute publizieren im Vorfeld von nationalen Abstimmungen in zwei, respektive drei Wellen Ja- und Nein-Stimmenanteile. Diese Umfragewerte werden immer wieder als Prognosen bewertet, obwohl sie das nicht sind.

Die Ja-Stimmenanteile der aktuellsten zwei Wellen pro Institut können lediglich miteinander verbunden und auf den Abstimmungstag projeziiert werden. Beim Geldspielgesetz würde also je nach Umfrageinstitut der Ja-Stimmenanteil bei 63%, respektive 68% zu liegen kommen. Aber auch hier handelt es sich um keine Prognosen sondern um Extrapolationen. Es ist auch im Nachhinein nicht eruierbar, ob diese Trends tatsächlich die Realität wiederspiegelt haben (z.B. was ist mit der Gruppe der Unentschiedenen passiert?).

Wir haben eine App entwickelt, in der sie sehen, was passieren würde, wenn sich die ausgewiesenen Trends der jeweiligen Institute fortführen würden.
Prognosen prognostizieren – nicht immer richtig

Wir haben ein «richtiges» Prognosemodell entwickelt. «Richtig» steht in Anführungs- und Schlusszeichen weil damit nicht «am präzisesten» oder «am besten» gemeint ist, sondern wir meinen ein Modell, dessen Output als Vorhersage verstanden werden kann – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Modell schätzt den zukünftigen Ja-Stimmenanteil aufgrund verschiedener Indikatoren und versucht dabei, möglichst verschiedene Informationen zu verarbeiten. Da es sich nun um eine Vorhersage handelt, muss auch gleich gesagt werden, dass wir die Zukunft selbstverständlich nicht kennen. Auch die Prognosen des besten Modells treffen kaum immer ins Schwarze. Das liegt in der Natur der Sache, denn unvorhergesehene wie auch schwer messbare Faktoren können unerwartete Ereignisse herbeiführen.

Wie gehen wir Unsicherheit um?

Unvorhergesehene Ereignisse widerspiegeln Unsicherheit. Um dieser gerecht zu werden, wird die Prognose nicht nur einmal, sondern 10’000 mal für dieselbe Vorlage gemacht.[2] Selbstverständlich ist das eine fiktive Situation, aber sie hilft, um immer etwas andere Vorhersagewerte zu erhalten. Sobald 10’000 fiktive Resultate vorliegen, beginnt die Zählerei: Wieviele einzelne Werte sind zwischen 10% und 15% gefallen, wieviele sind unter 50% und wieviele darüber, etc.? Diese Auszählungen sind in den untenstehenden Grafiken dargestellt. Sie sehen in wievielen Fällen eine Prognose in ein gewisses Intervall gefallen ist.

Am Beispiel der Vollgeldinitiative lässt sich das so illustrieren: Knapp 12% aller Prognosen fallen zwischen 25% und 30%. In kein anderes Intervall sind mehr Prognosen gefallen, es ist somit das wahrscheinlichste Abstimmungsresultat gemäss dem Modell.

Zusätzlich weisen die Grafiken aus, wieviele Prognosen kleiner und wieviele grösser als 50% sind. So kommt die  Vollgeldinitiative zu einer Annahmewahrscheinlichkeit von 13% (also in 13 von 100 fiktiven Vollgeldabstimmungen erzielt die Initiative einen Ja-Stimmenanteil, der über 50% liegt). Ganz anders sieht es beim Geldspielgesetz aus: 82 von 100 Prognosen werden angenommen.

Wie gut diese Prognosen sind, wissen wir am 10. Juni. In den Testläufen der letzten zwei Jahre hat sich das Modell bewährt und immer wieder auch überraschend gute Vorhersagewerte abgeliefert. Wichtig scheint zum einen, dass die Unsicherheit korrekt wiedergegeben wird. So ist bei der Vollgeldinitiative auch ein Ja-Stimmenanteil zwischen 20% und 25% immer noch wahrscheinlich. Zum anderen scheint es wichtig zu erwähnen, dass die ausgewiesenen Werte nicht mehr nachbearbeitet werden. Also das bei einer Vorlage, wo aufgrund von Expertenwissen ein anderes Resultat erwartet werden kann, keine ad hoc Korrekturen vorgenommen werden.

Thomas Willi

[1] Foto: aquarian_insight | Flickr

[2] Mehr zur Grundidee und einer Anwendung in R finden Sie z.B. unter politikwissenschaften.ch

[2] Hier finden Sie mehr zum Thema Momentaufnahmen und Prognosen.

Wer profitiert von der hohen Stimmbeteiligung der NoBillag-Initiative?

Selten wurde ein Abstimmungskampf so lange und intensiv geführt wie jener zu NoBillag. Einerseits gab es eine rekordverdächtige Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern auf Twitter.[1] Andererseits erhielt die No-Billag-Kampagne laut dem fög auch in den klassischen Medien eine überdurchschnittliche Beachtung.[2] So intensiv der Abstimmungskampf war – so deutlich fiel das Resultat aus. Über 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung lehnten die Initiative zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren ab. Hoch war auch die Stimmbeteiligung: mit 54.5 Prozent schweizweit lag sie deutlich über dem Durchschnitt (46% in den letzten zehn Jahren).

Trendwende bei der Stimmbeteiligung

Die erste Grafik illustriert die Stimmbeteiligung über die Zeit seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die Punkte zeigen die jeweilige Stimmbeteiligung zu allen Initiativen (orange), obligatorischen (dunkelgrün) und fakultativen (hellgrün) Referenden (nicht einzeln ausgewiesen werden Gegenvorschläge). Bei den Linien handelt es sich um LOESS-Linien, eine Methode zum Anpassen einer glatten Kurve. Einfacher gesagt, die Linien sind mit zu einem gleitenden Durchschnitt vergleichbar. Die durchschnittliche Stimmbeteiligung hat seit Anfang des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger stetig abgenommen und steigt  seit ungefähr zehn Jahren wieder leicht an. Aus dieser Perspektive reiht sich die heutige Abstimmung in eine allgemeine Trendwende ein. Die Schweizer Bevölkerung scheint seit der Jahrtausendwende generell wieder politisch aktiver geworden zu sein.

Überdurschnittliche Stimmbeteiligung – wer profitiert?

Aber auch im aktuellen Vergleich ist die Stimmbeteiligung hoch. Am letzten Abstimmungssonntag am 24. September 2017, als über die Reform der Altersvorsorge abgestimmt wurde, lag die Stimmbeteiligung lediglich bei 46.7 Prozent. Aufgrund des Resultats zur No-Billag-Initiaitive liegt die Vermutung nahe, dass vor allem das linke Lager, welches sich gegen die Initiative engagierte, erfolgreich mobilisierte.

Auf nationaler Ebene lässt sich dieser Zusammenhang nur schwer nachweisen. Auf regionaler Ebene weist allerdings zum Beispiel Politikwissenschaftler Clau Dermont auf einen negativen Zusammenhang zwischen der Stimmbeteiligung und dem Ja-Stimmenanteil zu NoBillag für den Kanton Graubünden hin. Es stellt sich die Frage, wie sich dies auf regionale Abstimmungen und Wahlen ausgewirkt hat, über die ebenfalls heute entschieden wurde.

Überraschungserfolg der JUSO im Kanton Schwyz

So wurde im Kanton Schwyz überraschend eine Initiative der JUSO angenommen, welche Parteien und politische Organisationen dazu verpflichtet bei Wahlen und Abstimmungen künftig ihre Finanzen offenzulegen. Die NZZ spricht sogar von einem «Überraschungscoup».[3] Das Ergebnis war mit 50.28 Prozent Ja-Stimmen denkbar knapp und nur 305 Stimmen machten den Unterschied aus. Ob das Resultat nur dem Zufall zu verdanken- oder ob tatsächlich die Mobilisierung von linker Seite verantwortlich war, können wir hier nicht beantworten. Jedoch lag auch in allen Schwyzer Bezirken die  Stimmbeteiligung über dem Durchschnitt. Die untenstehende Grafik vergleicht die durchschnittliche Stimmbeteiligung mit der heutigen Stimmbeteiligung zu NoBillag in allen Schweizer Bezirken. Zu den Bezirken, in welchen die Beteiligung über 60 Prozent ausfiel, gehören vor allem die Tessiner Bezirke sowie Bezirke in Schaffhausen und Obwalden. Orange eingefärbt sind die Schwyzer Bezirke.

Die letzte Grafik stellt die Differenz zwischen der heutigen und durchschnittlichen Stimmbeteiligung in Relation zum Ja-Anteil zur «Transparenzinitiative» auf Gemeindeebene dar. Es zeigt sich ein positiver Trend: Je grösser die die Abweichung von der «normalen» Stimmbeteiligung, desto eher wurde ein «Ja» für die JUSO-Initiative an der Urne eingelegt. Bei einer so knappen Entscheidung liegt die Vermutung nahe, dass die Annahme der Initiative durch diese überdurchschnittliche Mobilisierung zumindest begünstigt wurde.

Spill-Over Effekte auf städtische Wahlen?

Zeitgleich fanden auch kommunale Wahlen statt, beispielsweise in Winterthur und Zürich. Vor vier Jahren fanden die letzten Wahlen gleichzeitig mit der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative statt. Auch jener Abstimmungssonntag zeichnete sich durch eine überdurchschnittliche Wahlbeteiligung aus. Damals vermutlich eher zugunsten der Rechten: In Winterthur gelang es der SVP 2014 erstmals seit 2002 wieder einen Sitz im Stadtrat zu erobern. An diesem Wahlsonntag kam es in den urbanen Zentren des Kantons Zürichs hingegen zu einem ruckartigen Links-Rutsch. Es lässt sich deshalb nicht ausschliessen, dass es bei den aktuellen Wahlen Spill-Over Effekte der hohen Stimmbeteiligung zur NoBillag-Initiative gab.

Sina Blassnig, Thomas Lo Russo und Thomas Willi

[1] Hier geht es zu unserem Artikel zum #NoBillag.

[2] Hier gehts zum fög.

[3] Hier der Link zum NZZ-Artikel.