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Architektur der Angst [1]

Keine Angst vor der Angst in der Politik

Man tut den Emotionen Unrecht, wenn man sie für alle missliebigen Volksentscheide verantwortlich macht, denn unter Umständen führen sie gar zu informierteren Entscheiden, schreibt Thomas Milic.

Nach aufwühlenden Abstimmungen ist oft von Gräben und Gegensätzen die Rede. Einer dieser Gegensätze wird in letzter Zeit besonders oft bemüht: Nein, nicht derjenige zwischen Stadt und Land und auch nicht derjenige zwischen Arbeit und Kapital. Nein, vielmehr handelt es sich um den Gegensatz zwischen Vernunft und Angst, der allenthalben beobachtet wird. Bei der Abstimmung über die DSI beispielsweise habe, so das deutsche Nachrichtenmagazin SPIEGEL, die Vernunft über die Angst triumphiert. Auch die ZEIT lobte die Schweizer (Nein-)Stimmenden dafür, «ohne Furcht in ihren Knochen» … «ihren Verstand benutzt» zu haben.[2] Solches Lob aus dem Ausland war jüngst rar geworden und wurde deshalb – zumindest von einem Teil der Schweizer Presse – mit umso mehr Stolz aufgenommen.

Die Vernunft ist stets auf der eigenen Seite

Aber sind Vernunft und Emotionen wirklich unvereinbar? Sind Entscheide, die mit «Furcht in den Knochen» gefällt werden, zwingend irrational und falsch? Und was, wenn auf beiden Seiten Sorgen und Ängste die Entscheidmotive beherrschten? Zuerst einmal besteht der Verdacht, dass der Zweck einer solch «manichäischen» Gegenüberstellung ohnehin nicht darin besteht, das Abstimmungsergebnis möglichst treffend zu charakterisieren, sondern die eigene Position zu überhöhen und den politischen Gegner gleichzeitig zu delegitimieren. Denn: Die Vernunft ist stets auf der eigenen Seite, während es immer die anderen sind, die einen unbedachten Bauchentscheid fällen. Mit anderen Worten: Hier die abwägende Vernunft, dort die dumpfen Emotionen. Aber selbst wenn es zutreffen sollte, dass die einen (hauptsächlich) mit dem Kopf und die anderen (vor allem) mit dem Bauch entscheiden, warum ist es da so selbstverständlich, dass die letzteren daneben lagen? Oder etwas grundsätzlicher gefragt: Weshalb haben Emotionen eigentlich einen derart schlechten Ruf in der Politik?

Emotionen – dazu zählen ja nicht nur Ängste, sondern (glücklicherweise) auch positive Affekte wie Mitgefühl und Euphorie – gehören zum Menschen. Man freut sich, man ängstigt sich, man macht sich Sorgen, man ist euphorisch und fühlt mit. Indes, wenn Bürger das Wahllokal betreten, sollen sie – so die vorherrschende Ansicht – das «Allzumenschliche» abstreifen und stattdessen das Gewand des vernunftgeleiteten, möglichst emotionslosen Musterbürgers überziehen. Affekte gehören aus der Politik verbannt. Doch damit tut man den Emotionen Unrecht. Sie sind nicht immer schlecht für die Politik. Im Gegenteil, zuweilen sind sie sogar für eine rationalere Auseinandersetzung mit politischen Inhalten förderlich, so widersprüchlich dies auf den ersten Blick klingen mag. Deshalb hier ein Versuch eines Plädoyers für Emotionen in der Politik.

Ein Plädoyer für Emotionen in der Politik

Zunächst ist mir kaum ein politisch engagierter Mensch bekannt, der nicht mit Emotionen bei der Sache ist, wenn es um Politik geht. Emotionen sind doch der Treibstoff, der den «politischen» Motor dieser Menschen antreibt. Wenn man sich etwa die überschäumende Freude der Abstimmungssieger (oder die Enttäuschung der Unterlegenen) nach Bekanntgabe der Ergebnisse anschaut, so wird rasch klar, dass hier enorme emotionale Energie vorhanden ist. Was soll daran apriori schlecht sein?

Die Mobilisierung bei der Durchsetzungsinitiative

Übrigens, wenn wir schon bei der Abstimmung über die DSI sind: Die sagenhafte Mobilisierung ist Gegnern wie Befürwortern doch nicht gelungen, weil sie während des Abstimmungskampfes an die «dürre Ratio» appellierten, sondern eben an Emotionen und ja, auch an Ängste – im Übrigen auf beiden Seiten. Hat es geschadet? Gewiss, der Abstimmungskampf verlief schrill und laut, manchmal gar krawallartig. Aber was ist gegen 63 Prozent Stimmbeteiligung einzuwenden? An der Beteiligung ist im Übrigen am deutlichsten ersichtlich, dass ein nüchtern abwägender Stimmbürger gar nicht immer wünschenswert ist. Denn wie würde der trocken kalkulierende Vernunftmensch entscheiden? Richtig, gar nicht.[3] Der homo oeconomicus weiss nämlich, dass seine Stimme mit Bestimmtheit nicht den Ausschlag geben wird. Sie geht im Ozean der Millionen anderen Stimmen unter. Deshalb bleibt der emotionslose Nutzenmaximierer am Abstimmungssonntag auch zuhause. Und er wird seine Stimmabstinenz auch nicht bereuen. Denn bei der Verkündigung des Ergebnisses wird sich abermals herausstellen: Auch dieses Mal wurde die Abstimmung nicht wegen einer einzigen – also seiner – Stimme entschieden. Dieses Problem ist in der Rational Choice-Literatur hinlänglich bekannt. Es wird als «paradox of voting» bezeichnet: Die Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Stimme die ausschlaggebende sein könnte, ist unendlich gering. Wären die Stimmbürger demnach solch durchrationalisierte Geschöpfe wie manchmal gewünscht, es würde sich niemand beteiligen.[4] So ist es (glücklicherweise) nicht. Genau deshalb werden als Erklärung für die Beteiligung oftmals expressive Motive angeführt (Brennan und Lomasky 1993) – Emotionen, wenn man so will, die häufig mit der Unterstützung für ein Fussballteam verglichen werden, was in der Regel ja auch eine höchst emotionale Angelegenheit ist.[5] Aber Emotionen wirken sich nicht nur positiv auf die Beteiligung aus, sie nützen offenbar auch der (materiellen) Entscheidqualität. Die Correct-Voting-Forschung hat gezeigt, dass Bürger bei emotional aufwühlenden Abstimmungen keineswegs «falscher» entscheiden als bei konfliktarmen, meist technischen Vorlagen – im Gegenteil: Meist sind sie bei solchen Abstimmungen ausserordentlich gut informiert, weil sie – von Emotionen angetrieben – sich mit der Materie intensiv auseinanderzusetzen beginnen.

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Bei emotional aufgeladenen Vorlagen ist das Stimmvolk tendenziell besser informiert.
Die Vielzahl der Ängste

Manche mögen an dieser Stelle einwenden: Gut, positive Emotionen sind ja noch in Ordnung, aber Ängste gehören auf jeden Fall nicht in die Politik. Denn sie hindern uns daran, klar zu denken und vernunftgeleitet zu entscheiden. Diese Angst vor der Angst in der Politik hat vor allem damit zu tun, dass die allermeisten damit eine ganz bestimmte Angst assoziieren: Die «Überfremdungsangst». Aber es gibt noch eine Vielzahl anderer Ängste und Sorgen: Angst vor Sozialabbau, Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor Nuklearkatastrophen wie in Fukushima, Angst davor, keine gesicherte Rente im Alter zu haben und vieles mehr. Und in diesem Zusammenhang sind nun empirische Befunde aus der politischen Kognitionsforschung höchst interessant, weil sie der landläufigen Auffassung diametral entgegengesetzt sind: Ängste (anxiety) motivieren Bürger, sich mit der betreffenden Sachfrage vertieft auseinanderzusetzen, weshalb sie – man höre und staune – oftmals besser informiert sind als «emotionslose Vernunftbürger».[6,7] Diese aufmerksamere Auseinandersetzung erhöht ausserdem die Bereitschaft, neue und vor allem parteiunabhängige Informationen zu berücksichtigen. Mit anderen Worten: Man weicht in emotionsgeladenen Situationen viel eher vom Alltagstrott ab und ist offener für neue Lösungsansätze. Im amerikanischen Kontext bedeutet dies etwa, dass man die althergebrachten Bindungen überfragt und als Konsequenz davon auch eher bereit ist, neue Parteien zu wählen (d.h. die Demokraten statt den Republikanern oder umgekehrt). Gewiss, das kann unter Umständen gefährlich werden, keine Frage. Aber grundsätzlich ist eine undogmatische, flexible Annäherung an Sachfragen doch nicht apriori zu verurteilen.

Besorgte Bürger vs. nüchterne Bürger

Linda Isbell schreibt diesbezüglich in ihrer lesenswerten Zusammenfassung über die Rolle der Emotionen in der Politik: «… feelings of fear and anxiety tend to arouse the democratic ideal of the rational citizen who carefully considers issue positions and leadership qualities and who processes information in a thoughtful and relatively evenhanded manner.»[8] Der besorgte Bürger ist demnach unter Umständen gar der bessere Citoyen als der nüchterne Bürger.[9] Am Ende rührt die Angst der etablierten Parteien vor der Angst in der Politik vielleicht auch daher, dass die Bürger sich in solchen Situationen viel eher von ihrer «alten» Partei abwenden und eine neue wählen. Und welche alteingesessene Partei will das schon?

Besorgte Bürger vs. Wutbürger

Zugegeben, die vorliegende Darstellung der Emotionen in der Politik ist etwas einseitig geraten. Der «affect effect» ist differenzierter zu betrachten als in diesem kursorischen und bewusst zugespitzt formulierten Beitrag. Nur ein Beispiel: Emotionen wie Wut und Ärger (anger) sind im Gegensatz zur Angst (anxiety) kaum produktiv. Sie verringern beispielsweise die Bereitschaft, sich (über Neues) informieren zu wollen, erheblich und verstärken somit das Habituelle. Der besorgte Bürger und der Wutbürger sind somit nicht Zwillingsbrüder. Wut ist im Gegensatz zur Angst offenbar wirklich kein guter Ratgeber. Wer dazu eine differenzierte (aber auch technisch anspruchsvollere) Darstellung möchte, empfehle ich folgenden Beitrag. Wie gesagt, wurden an dieser Stelle den Gefahren, die sich aus einer Emotionalisierung der Politik ergeben, bewusst keine allzu grosse Beachtung geschenkt. Natürlich gibt es sie. Das bestreitet ja niemand. Deshalb wäre es auch falsch, sogleich in eine «Hymne auf die Emotionen» einzustimmen. Aber diese platte Gegenüberstellung von Vernunft und Angst, Kopf und Bauch, die immer wieder aufs Neue bemüht wird, ist genauso falsch und in der politischen Psychologie zudem längst widerlegt. Man tut also den Emotionen Unrecht, wenn man sie für alle missliebigen Volksentscheide verantwortlich macht. Deshalb: Nur keine Angst vor der Angst in der Politik.

Thomas Milic

[1] Foto Z33 Art centre | FLICKR.

[2] Lesen Sie den Artikel der Zeit hier.

[3] Schön ist diesbezüglich die Umschreibung von Dubner und Levitt (2005): «An economist would be embarassed to be seen at the voting booth».

[4] Eine schöne Veranschaulichung ist bei Goodin und Roberts (1975) zu finden: Sie raten dem nüchternen Nutzenmaximierer, am Wahltag zu Hause zu bleiben, um Schuhleder zu sparen.

[5] Zuweilen wird darauf hingewiesen, dass dies in eine Katastrophe münden würde, wenn alle so denken würden. Aber auch hier gilt: Der Vernunftmensch weiss, dass niemals alle so denken werden. Denn dieser Fall – es sind Wahlen und keiner geht hin – ist bekanntlich nie eingetreten.

[6] Hierzu gibt es eine Fülle an Literatur. Vor allem die Beiträge von George E. Marcus. Für einen Überblick empfehle ich folgenden Beitrag.

[7] Im Übrigen: Eine Textpassage aus einer Studie von Adrian Pantoja und Gary Segura (2003: 269f) zur Proposition 187, die (man achte auf die Gemeinsamkeiten zur DSI) eine Verschärfung der Migrantenrechte in Kalifornien forderte, klingt fast schon wie eine Beschreibung dessen, was im Vorfeld der DSI-Abstimmung vorgefallen ist. Die Autoren schreiben: «The presence of a candidate or policy deemed threatening to an individual will stimulate feelings of anxiety, waking them out of their habitual slumber and motivating them to pay closer attention to the political environment». Lesen Sie hier den ganzen Beitrag.

[8] http://www.psychologicalscience.org/index.php/publications/observer/2012/october-12/the-emotional-citizen.html

[9] Lesen Sie dazu auch den Beitrag mit dem Titel «Is a worried citizen a good citizen?»