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Das Abstimmungsverhalten der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer

Auslandschweizer stimmen progressiver, linker und gesellschaftsliberaler als Inlandschweizer. Das zeigt ein Vergleich des Abstimmungsverhaltens von Ausland- und Inlandschweizern zu mehr als 60 Vorlagen.

Der 24. September 2017 war kein Freudentag für die Regierung. Denn die Rentenreform wurde von einer knappen Mehrheit der Stimmenden abgelehnt. Hätten nur die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer abstimmen dürfen, so gäbe es für den Bundesrat weitaus mehr Grund zur Freude: Denn die «fünfte Schweiz» nahm die Reform mit einer komfortablen Zweidrittel-Mehrheit an. Die Differenz zwischen Ausland- und Inlandschweizern betrug bei der Rentenreform demnach happige 18 Prozentpunkte. Das ist viel. Denn die maximale Differenz zwischen den Kantonen betrug rund 21 Prozentpunkte (SZ: 35.7%; JU: 56.8%).

Ticken die Auslandschweizer grundsätzlich anders als Inlandschweizer? Oder war die Rentenreform bloss eine Ausnahme? Zur Beantwortung dieser Frage haben wir das Stimmverhalten von Auslandschweizern mit dem gesamtschweizerischen Ergebnis bei den letzten 62 Vorlagen (2011-2017) verglichen. Bei den nachfolgend präsentierten Werten für die Auslandschweizer handelt es sich um Hochrechnungen. Derzeit wird das Stimmergebnis der Auslandschweizer nur in 12 Kantonen ausgewiesen. Sie machen allerdings etwa 70 Prozent aller bei einer Schweizer Vertretung im Ausland registrierten (und demnach teilnahmeberechtigten) Auslandschweizer aus. Wir haben die Ergebnisse für diese 12 Kantone mit einem bestimmten Verfahren für alle Auslandschweizer hochgerechnet.[2] Wichtig ist zudem auch: Wir haben die Ergebnisse der Auslandschweizer mit dem Ergebnis der Gesamtschweiz verglichen und nicht etwa mit dem Ergebnis für die Inlandschweizer. Dies erfolgte aus praktischen Gründen. Die Unterscheidung zwischen Inlandschweizern und dem Gesamtergebnis ist nur bei sehr knappen Ergebnissen relevant. Denn bei einer durchschnittlichen Stimmbeteiligung der Auslandschweizer von rund 30 Prozent beträgt ihr Anteil an einem durchschnittlichen Stimmkörper bloss etwa zwei Prozent.

In einem ersten Schritt haben wir für alle Abstimmungen zwischen 2011 und 2017 die Unterschiede im Ja-Stimmenanteil herausgearbeitet. in Abbildung 1 sind nun jene Abstimmungen aufgelistet, bei denen der Ja-Stimmenanteil der Auslandschweizer tiefer lag als in der Gesamtschweiz. Besonders erwähnenswert ist hierbei die Masseneinwanderungsinitiative, die von der fünften Schweiz hochkant abgelehnt wurde, von den Inlandschweizern indessen angenommen wurde.

Abbildung 1: Stimmverhalten der Auslandschweizer im Vergleich zur Gesamtschweiz (2011-2017): Vorlagen mit tieferem Ja-Anteil für Auslandschweizer.

Viel öfter kam hingegen vor, dass der Ja-Stimmenanteil bei den Auslandschweizern höher lag als in der Gesamtschweiz. Besonders fällt hier der Familienartikel (2013) auf, der seinerzeit am Ständemehr scheiterte, von den Auslandschweizern aber mit überwältigender Mehrheit angenommen wurde. Die Differenz zwischen Auslandschweizern und Gesamtschweiz war seinerzeit noch grösser als bei der Altersvorsorge 2020. Dies hat möglicherweise auch damit zu tun, dass die SVP damals in ihrer, an alle Schweizer (aber nicht: Auslandschweizer) Haushalte verschickten Gratiszeitung gegen den Verfassungsartikel warb.

Abbildung 2: Stimmverhalten der Auslandschweizer im Vergleich zur Gesamtschweiz (2011-2017): Vorlagen mit höherem Ja-Anteil für Auslandschweizer.

Nicht selten gibt es aber so gut wie keine Unterschiede zwischen der fünften Schweiz und der Gesamtschweiz. Diese Fälle sind unspektakulär und werden deshalb auch oftmals ignoriert. Aber sie sind gar nicht so selten.

Abbildung 3: Stimmverhalten der Auslandschweizer im Vergleich zur Gesamtschweiz (2011-2017): Vorlagen mit annähernd gleichem Ja-Anteil für Ausland- und Inlandschweizer.

Diese bisher präsentierten Befunde sind an sich noch nicht sonderlich aussagekräftig. Denn die Zustimmung bei einer Vorlage kann – je nach Vorlageninhalt – eine ganz andere inhaltliche Bedeutung haben. Bei der einen Vorlage kann das Ja beispielsweise eine Verschärfung des Asylrechts bedeuten, bei einer anderen Vorlage hingegen eine Lockerung des Asylrechts (oder irgendetwas vollkommen anderes). Um die inhaltliche Richtung des Abstimmungsverhaltens von Auslandschweizern bestimmen zu können, haben wir die einzelnen Sachfragen auf einer Konservativ-Progressiv-Achse lokalisiert. Nun sind die Begriffe «progressiv» und «konservativ» nicht selbsterklärend. Hinzu kommt, dass sie oft wertgeladen verwendet werden. Unsere rein operationale (und demnach wertneutrale) Definition lautet wie folgt: Wir haben die Empfehlungen der beiden grossen Polparteien, SVP und SP, zum Ausgangspunkt genommen und die Empfehlung der SVP als konservativ-rechten Pol definiert, während die Empfehlung der SP als progressiv-linker Pol definiert wurde. Vorlagen, bei denen zwischen SP und SVP Konsens herrschte, wurden in der Folge nicht berücksichtigt.

Abbildung 4 zeigt die inhaltliche Richtung des Abstimmungsverhaltens der Auslandschweizer. Wie ist diese Abbildung zu lesen? Die vertikale Null-Linie steht für den Entscheid der Gesamtschweiz. Die grauen Linien geben die Abweichung der Auslandschweizer vom Ergebnis der Gesamtschweiz an und zeigen zugleich auch an, in welche Richtung diese Abweichung erfolgte: In Richtung progressivem Pol oder in Richtung konservativem Pol.

Abbildung 4: Stimmverhalten der Auslandschweizer im Vergleich zur Gesamtschweiz (2011-2017) auf einer Konservativ-Progressiv-Achse.

Die Auswertung zeigt: Die Auslandschweizer stimmen in aller Regel progressiver und linker ab als die Gesamtschweiz. Es gab zwischen 2011 und 2017 im Prinzip nur zwei bedeutende Ausnahmen davon: Die Abstimmung über die zweite Gotthardröhre und jene über die Öffnungszeiten für Tankstellenshops. In beiden Fällen hing dies möglicherweise mit der spezifischen Lebenssituation der Auslandschweizer zusammen. Der Gotthardtunnel dürfte von Auslandschweizern, die ihren Lebensmittelpunkt in Südeuropa haben, öfters genutzt werden als von Inlandschweizern. Und die Liberalisierung von Ladenöffnungszeiten ist in vielen Staaten, in den Auslandschweizer schon seit Jahren leben, längst Tatsache.

Weiter haben wir uns gefragt, ob die Auslandschweizer allenfalls behördenfreundlicher abstimmen als die Inlandschweizer. Dazu haben wir eine Skala der Behördenlinientreue erstellt und die beiden Vergleichsgruppen darauf verortet.

In Abbildung 5 sind nun jene Abstimmungen aufgelistet, bei denen eine Mehrheit der Auslandschweizer dem Bundesrat folgte, während die Mehrheit der Gesamtschweiz der «Opposition» folgte. Im Zeitraum zwischen 2011 und 2017 waren dies gerade mal sechs Abstimmungen. Zu diesen sechs Vorlagen gehören auch die beiden jüngst abgelehnten Rentenvorlagen.

Abbildung 5: Behördenkonformes Stimmverhalten von Auslandschweizern im Vergleich zur Gesamtschweiz 2011-2017: Vorlagen mit ungleichen Mehrheiten.

Weiter wurden nun jene Abstimmungen aufgelistet, bei denen eine Mehrheit der Gesamtschweiz dem Bundesrat folgte, während die Mehrheit der Auslandschweizer der «Opposition» folgte. Dies kam bloss drei Mal vor.

Abbildung 6: Behördenkonformes Stimmverhalten von Auslandschweizern im Vergleich zur Gesamtschweiz 2011-2017: Vorlagen mit ungleichen Mehrheiten.

Zuletzt sind jene Abstimmungen aufgelistet, bei denen die Mehrheit der Auslandschweizer genau so abstimmte wie die Mehrheit der Gesamtschweiz. Dies ist der Normalfall. Ein einzelner, spektakulärer Fall ist hier allerdings hervorzuheben. Das RTVG. Das RTVG wurde seinerzeit (2015) mit einem äusserst knappen Ergebnis (50.1%) angenommen. Bei dieser Abstimmung – und nur bei dieser Abstimmung  – lag das (u.a.) am Stimmverhalten der Auslandschweizer. Diese haben das RTVG nämlich mit komfortabler Mehrheit angenommen. Dadurch ist das Gesamtresultat gekippt. Denn die Inlandschweizer selbst haben das RTVG ganz knapp abgelehnt. Im Nachgang zu dieser Abstimmung führte dieser Umstand zu einer gewissen Polemik: Entschieden worden sei die Abstimmung ausgerechnet von jenen, die gar keine Empfangsgebühren zahlen, lautete die Kritik. Dabei ist aber folgendes zu beachten: Bei einer derart knappen Abstimmung wie derjenigen über das RTVG lässt sich im Prinzip irgendeine beliebige Merkmalsgruppe für das Resultat verantwortlich machen. Vielleicht haben die Blonden die Dunkelhaarigen überstimmt, etc. «Schuldzuweisungen» sind bei Abstimmungen zudem ohnehin fehl am Platz: Wird eine Sachfrage vorgelegt, so haben Stimmberechtigte das Recht, sich entweder dafür oder dagegen auszusprechen.

Abbildung 7: Behördenkonformes Stimmverhalten von Auslandschweizern im Vergleich zur Gesamtschweiz 2011-2017: Vorlagen mit gleichen Mehrheiten.

Auslandschweizer stimmen in der Regel gesellschaftsliberaler, «linker» und ökologischer als Inlandschweizer. Sie sind zudem auch etwas behördenfreundlicher als Inlandschweizer. Die Unterschiede sind indessen nicht dramatisch. Nur selten divergieren die Mehrheiten zwischen Inland- und Auslandschweizern. Viel öfter ist man sich im Prinzip einig. Die durch den ausserschweizerischen Kontext bedingte Prägungen spielen ausserdem nur bei wenigen Sachfragen eine Rolle (zweite Gotthardröhre, Öffnungszeiten für Tankstellenshops). Viel eher sind bei Inland- und Auslandschweizern die gleichen Wahl- und Abstimmungstrends zu beobachten – ein Beleg dafür, dass Auslandschweizer über die politische «Grosswetterlage» in der Schweiz gut informiert sind.

Thomas Milic

[1] Foto: Felix Imobersteg

[2] Mehr zum Hochrechnungsverfahren: Milic, Thomas (2015). Analyse des Meinungsbildungsprozesses der AuslandschweizerInnen vor den Wahlen 2015. ZDA.

 

War der Brexit wirklich eine Überraschung?

Der Ausgang des Brexit-Referendums überraschte viele. Denn Umfragen und vor allem die Wettmärkte deuteten auf einen Entscheid zugunsten eines Verbleibs. Es war aber beileibe nicht das erste Mal, dass das Lager der Euro-Skeptiker in Umfragen unterschätzt wurde. 

Als die ersten Ergebnisse des Brexit-Referendums bekanntgegeben wurden, reagierten die einen mit Entsetzen, die anderen mit überschwänglicher Freude, beide aber gleichermassen mit Erstaunen: Denn erwartet wurde allenthalben eine Mehrheit für den Verbleib in der EU. Selbst Nigel Farage glaubte zunächst nicht an den Erfolg der Seinen.[2] Geschürt wurden diese Erwartungen durch die Vorumfragen. Und wer den sonst so verlässlichen betting markets vertraute, für den war das «Remain» keine Erwartung mehr, sondern eigentlich schon eine Gewissheit: Die Chancen auf ein Remain lagen zuletzt bei 75 Prozent, wobei dies – wie sich im Nachhinein herausstellte – vor allem an den viel höheren Wetteinsätzen derjenigen lag, die auf ein «Remain» wetteten.[3,4]

Weshalb lagen die britischen Vorbefragungen (abermals) daneben? Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die aggregierten Umfragedaten zuletzt von einem sehr knappen Ausgang ausgingen. Der «poll of polls» der Financial Times schloss am Tag vor dem Abstimmungstermin beispielsweise mit einem 48:46 zugunsten des Verbleibs.[5] Dieses Ergebnis ist nun beileibe nicht meilenweit weg vom effektiven Ergebnis. Von einem «Armageddon der Pollsters» kann demnach – anders als bei den letztmaligen britischen Parlamentswahlen – nicht die Rede sein. Allerdings gingen die meisten Umfragen schon von einem (knappen) Erfolg der «Remainists» aus. Hier lohnt sich allerdings ein etwas detaillierterer Blick auf die Methode der Umfrage: Klassische Telefonumfragen sahen die Befürworter des Verbleibs zumeist vorne, zu Beginn sogar klar in Front.[6] Online-Umfragen – an erster Stelle YouGov, der diesbezügliche Branchenführer – gingen währenddessen immer schon von sehr viel knapperen Verhältnissen aus. Allerdings: Die letzte Online-Umfrage von YouGov sah die EU-Befürworter mit 52:48 Prozent ebenfalls knapp vorne.[7]

Daten: https://ig.ft.com/sites/brexit-polling/

Wie ungewöhnlich ist es, dass der Anteil EU-Gegner in Umfragen unterschätzt wird? Gar nicht, denn unsere Schweizer Erfahrungen zeigen, dass dies bei europapolitischen Umfragen nicht nur gelegentlich vorkommt, sondern der Normalfall ist. Diese Schlussfolgerung beruht auf einem Vergleich zwischen dem ungewichteten Ergebnis der Vox-Nachbefragungen zu europapolitischen Abstimmungen (eine Telefonumfrage) und dem jeweiligen effektiven Ergebnis an der Urne. Wer sich dafür interessiert, weshalb wir die Nachbefragungen und nicht die Vorbefragungen verwendet haben, den verweisen wir auf die Methodenbox weiter unten. Zwecks Vergleichbarkeit der Abstimmungen, wurde jeweils der Anteil der «europafreundlichen» Stimmen ausgewiesen, was beispielsweise bei der Ecopop-Initiative dem Nein-Stimmenanteil (und nicht dem Ja-Stimmen-Anteil) entspricht.

Betrachtet man die Abbildung, so ist der Fall klar: Der Anteil EU-Gegner wird auch bei Schweizer Telefonumfragen regelmässig unterschätzt. Die Differenz ist zuweilen gering – derartig gering, dass er noch innerhalb des Zufallsfehlers zu liegen kommt. Meist liegt die Differenz jedoch ausserhalb des Stichprobenfehlers. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Eine Untersuchung von Patricia Funk kommt zu genau denselben Ergebnissen.[8] Und das scheint auch nicht ein ausschliesslich schweizerisches bzw. britisches Phänomen zu sein. Europaskeptische Parteien oder Kandidaten werden – so ein erster Eindruck – überall tendenziell unterschätzt: Bei den drei Landtagswahlen in Deutschland wurde etwa der AfD-Anteil so gut wie überall unterschätzt, in Österreich der FPÖ-Anteil (Anteil Hofer) bei der Bundespräsidentenwahl und in der Schweiz legt die SVP im Vergleich zu Umfragen auch oftmals zu.[9,10] Es ist schwer vorstellbar, dass all diese Abweichungen zufällig zustande kamen.

Wenn es aber nicht der Zufall ist, welches sind dann die Gründe dafür? Diese Frage ist enorm schwer zu beantworten. Grundsätzlich sind mehrere Gründe für diese Verzerrung denkbar: Abgesehen vom besagten Zufallsfehler könnte es am Auswahlrahmen liegen, also daran, dass die Liste, aus welcher die Befragten gezogen werden, unter Umständen systematische Lücken aufweist (keine Handynummern, Selbstselektion, etc.). Sodann könnte es an der Gewichtung liegen (gewisse Merkmalsgruppen werden zu stark bzw. zu gering gewichtet).[11]

Klassische Telefonumfragen sahen die Befürworter des Verbleibs zumeist vorne, zu Beginn sogar klar in Front

Da die Umfrageinstitute ihre Gewichtungspraxis aber oftmals als «Betriebsgeheimnis» hüten, kann über Gewichtungseffekte letztlich nur spekuliert werden.[12] Weiter ist denkbar, dass die Mobilisierungskraft der EU-Gegner falsch eingeschätzt wird. Denn ein wesentliches Problem aller Vorbefragungen besteht ja darin, zunächst einmal die voraussichtlich Teilnehmenden zu identifizieren. Am Ende interessiert bei Vorbefragungen nämlich nicht, wie die Stimmberechtigten über das abzufragende Sachgeschäft denken, sondern wie die tatsächlich Teilnehmenden darüber denken. Amerikanische Umfrageinstitute haben hierzu sophistizierte Modelle der «likely voters» konzipiert.[13] Diese Modelle bzw. generell die Einschätzung, wer teilnehmen wird, sind möglicherweise falsch bzw. unterschätzen die Teilnahmebereitschaft der EU-Gegner systematisch. Immer wieder wird zudem auf den verzerrenden Effekt der sozialen Erwünschtheit hingewiesen: EU-Skepsis mag – zumindest in bestimmten Kreisen – als «geächtet» erscheinen, weshalb Befragte es in Umfragen allenfalls unterlassen, ihre «wahre», kritische EU-Haltung zu äussern. Zuletzt könnte es auch am sogenannten «Non-Response-Bias» liegen. Hierzu nur kurz: Die Teilnahme an Umfragen ist bekanntermassen freiwillig. Viele verweigern die Teilnahme an Umfragen. Darunter könnten nun überdurchschnittlich viele EU-Gegner (oder «Wutbürger» im Generellen) sein, die nicht bereit sind, ihre Haltungen am Telefon oder online kundzutun. So abwegig ist der Gedanke nicht. Proteststimmende nehmen selten an Wahlen oder Abstimmungen teil – und gleiches gilt möglicherweise auch für Umfragen.

Was auch immer die Gründe sind, EU-Skeptiker bzw. EU-Gegner werden in Umfragen viel eher unterschätzt als überschätzt. Die knappen Umfrageergebnisse hätten demnach ein «böses Omen» für die Befürworter des «Remain» sein sollen. Diese hatten noch darauf gehofft, dass Unentschlossene aufgrund anthropologischer Konstanten (vor allem: die Risikoaversion) am Ende für den Status quo votieren würden. Doch auch das hätte mit Schweizer Daten in Frage gestellt werden können.[14] So überraschend kam der Brexit demnach gar nicht.

Thomas Milic und Thomas Willi

Im Gegensatz zu Grossbritannien werden in der Schweiz aufgrund eines Agreements unter den Umfrageinstituten keine Umfrageresultate in den letzten 10 Tagen vor dem Abstimmungstermin veröffentlicht. Die letzten demoskopischen Resultate sind am Abstimmungstermin demnach mindestens 10 Tage alt. Differenzen zwischen dem letzten Umfrageresultat und dem effektiven Ergebnis können demnach stets auf einen – möglicherweise tatsächlichen, vielleicht aber auch nur vermeintlichen – Meinungswandel abgewälzt werden. Mit anderen Worten: Während etwa bei der letzten YouGov-Umfrage der Schätzfehler berechnet werden kann (weil sie bloss einen Tag vor der Abstimmung durchgeführt wurde, und wir im Prinzip davon ausgehen können, dass sich die Meinungen in der letzten Nacht vor dem schicksalsträchtigen 23. Juni nicht mehr änderten), ist derselbe Wert bei Vorbefragungen, die 10 Tage oder älter sind, ungleich schwieriger zu ermitteln. Ausserdem ist bei Vorbefragungen, britischen wie schweizerischen, selten einmal vollständig klar, ob bzw. wie gewichtet wurde. Im Prinzip kann man fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass alle Vorumfrageergebnisse gewichtet sind. Aber, wie gesagt, nach welchem Verfahren und aufgrund welcher Kriterien, ist meist unklar. Deshalb kann auch nicht zweifelsfrei eruiert werden, ob die Unterschätzung der EU-Skeptiker schon in den Rohdaten vorhanden war oder erst durch die Gewichtung erfolgte. Bei Nachbefragungen hingegen kann der Schätzfehler genau beziffert werden und bei den Vox-Nachbefragungen sind zudem auch die Rohdaten erhältlich. Hier gibt es aus logischen Gründen auch keinen «Meinungswandel» mehr, der als Erklärung für die Differenz zwischen Umfrage und effektivem Resultat herhalten kann.

Um diesen Schätzfehler zu ermitteln, wurden alle nicht-materiellen Stimmabgaben in der Befragung («Weiss nicht», «kann mich nicht erinnern», «leer eingelegt») nicht berücksichtigt.

[1] Foto: (Mick Baker)rooster|Flickr

[2] Lesen Sie hier mehr zu Nigel Farage Einschätzung.

[3] Mehr zu den «Remain»-Chancen.

[4] Waren die «odds» wegen höheren Wetteinsätzen beeinträchtigt?

[5] Der «poll of polls» der Financial Times finden Sie hier.

[6] Klassische Telefonumfragen sahen die Befürworter des Verbleibs zumeist vorne.

[7] letzte Online-Umfrage von YouGov

[8] Hier geht es zur Untersuchung von Patricia Funk.

[9]  In Deutschland wurde der AfD-Anteil unterschätzt.

[10] Österreich wurde der FPÖ-Anteil unterschätzt.

[11] Mehr zu den Polls zum Brexit lesen Sie im Blogbeitrag von Andrew Gelman.

[12] Neben der Spekulation ist im Nachhinein noch die Schätzung eines sogenannten «House Effects» möglich. Lesen Sie hier mehr dazu.

[13] Mehr zum Konzept des «likely voters» lesen Sie hier.

[14] Mehr dazu hier.

 

Die Bevölkerung der Schweiz in 20 Jahren

Die Gesellschaft wird in den nächsten zwanzig Jahren älter. Zwei Topthemen der kommenden Legislatur stehen damit in direktem Zusammenhang: Die Altersreform 2020 und die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative.

Aktuell ist die Alterspyramide eigentlich gar keine. Das Bundesamt für Statistik vergleicht die Form mit einem Tannenbaum. Die Gruppe, welche in den nächsten zwanzig Jahren das Pensionierungsalter erreichen wird, ist deutlich grösser als die Gruppe der Unter-Zwanzigjährigen. Die Bevölkerung der Schweiz in 20 Jahren wird älter sein als heute.

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Das Szenario

Um ein Gefühl dafür zu bekommen was diese Ausgangslage bedeutet, haben wir die die demographische Veränderung in den nächsten 20 Jahren simuliert und dabei angenommen, dass am 31. Dezember 2014 die Grenzen geschlossen wurden. Niemand kann einwandern, niemand wandert aus. Wir beschränken uns zudem auf die Altersgruppe der 20-100-Jährigen. Die Altersgrenze nach unten und die Eingrenzung der Simulation auf 20 Jahre haben den Vorteil, dass wir keine Geburtenraten prognostizieren müssen. Wer in den nächsten zwanzig Jahren zur Erwerbsbevölkerung der 20-64-Jährigen dazustossen wird, ist schon jetzt auf der Welt. Dank der Altersgrenze nach oben sind wir nicht gezwungen, die Sterbeziffer der über 100-Jährigen zu simulieren. Für die jüngeren Generationen haben wir angenommen, dass die Sterbeziffern aus dem Jahr 2013 für die nächsten 20 Jahre konstant bleiben. Es wird also weder Fortschritte in der Medizin geben, noch gibt es Krankheitswellen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen überproportional treffen. Es ist wichtig anzumerken, dass unsere Berechnungen Schwachstellen aufweisen. Die Datenlage ist gegenüber derjenigen des BFS weniger detailliert. Insbesondere den Sterbeziffern konnten wir nur nach bestem Gewissen annähern.[2] Der grosse Trend stimmt jedoch und darum soll es in diesem Artikel gehen. Wir empfehlen, die Daten des BFS ebenfalls genau zu studieren.[3]

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Sie sehen in der Animation, wie sich die «Alterstanne» basierend auf dieser Simulation verändert. Eingeblendet ist immer auch der Altersquotient. Dieser entspricht hier dem Quotienten der über 64-Jährigen zu den 20-64-Jährigen multipliziert mit 100. Zur Eindordnung sind zusätzlich die drei Hauptszenarien des BFS zur zukünftigen Bevölkerungsentwicklung dargestellt. Diese weichen vor allem deshalb stark von unserer ab, weil darin auch die erwartete Einwanderung miteinberechnet ist. Wie hoch die Migration sein wird, hängt aber auch von der zukünftigen Regulierung ab.

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Die Implikationen

In unserer Simulation steigt der Altersquotient bis 2034 von 28 Prozent auf 49 Prozent. Aktuell kommen etwa 3.5 Personen im Erwerbsalter auf eine Person im Pensionsalter. In zwanzig Jahren wären es 2. Zudem droht die Gefahr einer Beschäftigungslücke: Bei der Bevölkerung im Erwerbsalter gibt es ohne Migration ein negatives Wachstum. Sollte die Nachfrage nach Arbeitskräften in zwanzig Jahren gleich gross sein wie heute, besteht die Gefahr, dass es nicht genug erwerbssuchende 20-64-Jährige gibt, um die offenen Stellen zu besetzen.

erwerbsbevoelkerung

Diese drohende Beschäftigungslücke kann auch ohne Migration abgewendet werden. Beispielsweise indem die Schweiz noch stärker zu einer technologisch führenden Wirtschaft wird und durch Automatisierung beziehungsweise Robotisierung weniger Arbeitskräfte benötigt. Ohne eine starke Anhebung der Lohneinkommen bleibt der Handlungsdruck bei der Finanzierung der AHV in diesem Fall jedoch bestehen. Alternativ könnte die Erwerbstätigenquote gesteigert werden. Die Schweiz hat allerdings bereits eine der höchsten unter den OECD-Staaten – auch bei den Frauen.

Schrumpfende Erwerbsbevölkerung

Schwierig zu beantworten ist die Frage, wie hoch die Migration sein müsste, damit die Erwerbsbevölkerung konstant bleibt. Eine stark vereinfachende Herangehensweise ist die Berechnung der Differenz zwischen der Bevölkerungsgruppe, welche innerhalb eines Jahres in das Erwerbsalter kommt (19-Jährige) und derjenigen, welche das Pensionierungsalter erreichen wird (64-Jährige). Nicht berücksichtigt werden hier die GrenzgängerInnen oder Todesfälle in der Erwerbsbevölkerung. Gleichzeitig sind natürlich nicht alle 64-Jährigen erwerbstätig.

Wurden Sie schon einmal mit politischen Botschaften in den sozialen Medien konfrontiert?

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Basierend auf unserem Modell käme es ohne Einwanderung schon im nächsten Jahr zu einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung. Wobei sich der Trend bis Ende der 2020er-Jahre verstärkt und in den folgenden Jahren wieder etwas entspannt. Im BFS Szenario mit der tiefsten Zuwanderung beginnt die Erwerbsbevölkerung ab dem Jahr 2023 in kleinem Ausmass zu schrumpfen.

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Verschiebung der Altersobergrenze der Erwerbsbevölkerung für einen stabilen Altersquotienten

Wie schon in der Animation gesehen, stoppt auch die vom BFS prognostizierte Einwanderung die Alterung der Geschellschaft nicht sondern verlangsamt diese nur. In unserem Szenario müsste ab dem  Jahr 2033 die Altersobergrenze für die Erwerbsbevölkerung bei 71 Jahren angesetzt werden, um den Altersquotienten stabil zu halten. Ein Jahr später ist das auch beim BFS Szenario mit der tiefsten Einwanderung der Fall.

Altersquotient

Was in den nächsten vier Jahr passiert, ist entscheidend

Was genau die Zukunft bringen wird, kann niemand mit Sicherheit vorhersagen. Wie schon erwähnt, erfassen die hier präsentierten Analysen die Situation nicht bis ins kleinste Detail. Der Trend ist jedoch eindeutig. Für die beschriebenen Herausforderungen gibt eine Vielzahl von möglichen Lösungsansätzen. Klar ist, dass die Entscheidungen bei der Altersreform 2020 und der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative für die Gesellschaft weitreichende Konsequenzen haben werden.

 

[1] Foto: Alex Proimos|Flickr

[2] Die Daten zu den geschlechterspezifischen Sterbeziffern des BFS können hier als Excel-Files heruntergeladen werden.

[3] Weiterführende Informationen zu den Bevölkerungszenarien des BFS gibt es hier, hier und hier.

Skript und Daten.

Vom «Ja» zur Masseneinwanderung zum Ecopop-Nein: Wo sind all die Stimmbürger hin?

Die beiden viel beachteten Zuwanderungsabstimmungen des Jahres 2014, Masseneinwanderungs- und Ecopop-Entscheid, mobilisierten teils unterschiedliche Gruppen. Am stärksten davon profitierte die Gegnerschaft des Ecopop-Begehrens. Ihr gelang es, die Unterstützer der Bilateralen an die Urne zu treiben, während zuwanderungskritische Stimmbürger dem Ecopop-Votum eher fernblieben. Die Wanderungsbilanz zwischen dem MEI-Ja und dem Ecopop-Nein deutet zudem darauf hin, dass die grundsätzlichen Haltungen zur Zuwanderungs- und EU-Frage zwischen den beiden Urnengängen relativ stabil blieb.    

Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative (kurz: MEI) sandte seinerzeit regelrechte Schockwellen durchs Land und beschäftigt die Schweizer Politik seither. Denn ihre wortgetreue Umsetzung hätte mit grösster Wahrscheinlichkeit ein Zerwürfnis mit der EU zur Folge. Diese Umsetzung muss jedoch bald erfolgen, spätestens bis Anfangs 2017, so schreiben es die Übergangsbestimmungen des angenommenen Verfassungsartikels 121a vor. Vor diesem Hintergrund wird deshalb immer noch über die Motive spekuliert, welche die Bürger damals, an diesem schicksalsträchtigen 9. Februar 2014, antrieben. War es ein Votum gegen überfüllte Züge, gegen Lohndumping, gegen die «Überfremdung» oder – horribile dictu – gar gegen die EU? Obwohl der Wortlaut der Sachfragen, die dem Schweizer Stimmvolk vorgelegt werden, in aller Regel klarer formuliert sind als diejenige, über welche das griechische Elektorat kürzlich befand,[2] lassen auch helvetische Stimmentscheide unterschiedliche Interpretationen zu. Ein gutes Bild von diesen Deutungskämpfen vermitteln die jeweiligen «Elefantenrunden» im Nachgang zu eidgenössischen Urnengängen,[3] bei denen darüber gestritten wird, was das Stimmvolk denn eigentlich mit seinem Votum meinte. Die Auslegung des MEI-Entscheids wurde durch das darauf folgende Votum zur Ecopop-Vorlage noch zusätzlich erschwert. Denn dieses Begehren wurde nun – zur Überraschung vieler – überaus deutlich verworfen. Wie sind diese beiden, auf den ersten Blick widersprüchlichen Abstimmungsergebnisse zu deuten? Haben die Schweizer Stimmbürger es sich im Laufe des Jahres anders überlegt und sich Ende 2014 zu den Bilateralen bekannt? Oder haben sie die Vorlagen von vornherein als zwei unterschiedliche Sachfragen behandelt?

Wir wollen in diesem Beitrag (vorerst) nicht spekulieren, sondern lediglich aufzeigen, wie sich MEI-Befürworter und MEI-Gegner aus den einzelnen Parteianhängerschaften bei der wenige Monate später vorgelegten Ecopop-Frage verhielten. Dabei wollen wir nicht nur diejenigen berücksichtigen, die sich an beiden Urnengängen beteiligten (wie das etwa in der Vox-Analyse zu den Abstimmungen vom 30.11.2014 getan wurde), sondern auch die Nicht-Teilnehmenden. Dies ist angesichts der unterschiedlich hohen Partizipationsraten (rund 7 Prozent Differenz zwischen MEI und Ecopop) gar einer der interessantesten Fragen. Denn offenbar muss sich ja eine beträchtliche Zahl derer, die bei der MEI-Abstimmung noch teilnahmen, beim Ecopop-Entscheid der Stimme enthalten haben. Wer waren diese Bürger und Bürgerinnen? Kamen sie mehrheitlich aus dem Lager der MEI-Befürworter oder demjenigen der MEI-Gegner? Und was bedeutet das? Richtig, hier muss dann wieder spekuliert werden, aber immerhin auf einer (etwas) informierteren Basis. Klicken Sie hier, um die Grafik auf ihrem Mobilgerät zu sehen.

In der Abbildung oben sind die Resultate für alle Stimmoptionen (mit Ausnahme der leeren und ungültigen Stimmen) und für alle Stimmberechtigten ausgewiesen. Zunächst aber: Wie sind wir vorgegangen und woher stammen die Informationen darüber, wer bei beiden Vorlagen wie abgestimmt hat? Wir schildern die Vorgehensweise hier in aller Kürze und verweisen all diejenigen, die mehr dazu wissen wollen, auf die Methodenbox am Ende des Beitrags. Die hauptsächliche Datengrundlage bildete die 20 Minuten-Vorwahlumfrage vom 16/17.6.2015, in welcher auch die Entscheide zur MEI und zu Ecopop abgefragt wurden. Mit anderen Worten: Rund 24’000 Befragte haben angegeben, wie sie einerseits zur MEI und andererseits zum Ecopop-Begehren stimmten bzw. ob sie teilnahmen. Wir haben diese Ergebnisse sodann mit den entsprechenden Vox-Daten verglichen, um ihre Reliabilität zu prüfen. Dieser Vergleich zeigt, dass die Ergebnisse beider Umfragen nur geringfügig voneinander abweichen (siehe Methodenbox). Zuletzt wurden die Umfragewerte auch noch nach den St. Galler Registerdaten gewichtet, in erster Linie, um verlässlichere Resultate für die Nichtteilnehmenden zu erhalten (vgl. Methodenbox).

Die Abstimmungen über die Masseneinwanderung und Ecopop mobilisierten teils unterschiedliche Gruppen

Zu den Ergebnissen: Zuerst ist festzuhalten, dass die Fluktuation zwischen Teilnehmenden und Nicht-Teilnehmenden grösser war als viele (möglicherweise) vermutet haben. In der Stadt St. Gallen beispielsweise blieb jeder fünfte MEI-Teilnehmende (20.6%) der Ecopop-Abstimmung fern, während beim Urnengang vom 30.11. rund 17 Prozent teilnahmen, die zuvor, also im Februar, noch nicht partizipiert hatten. Kurz, es war demnach nicht zwei Mal dasselbe Elektorat (minus 7 Prozent), welches sich an den beiden Urnengängen beteiligte, sondern offenbar haben die beiden Vorlagen zum Teil unterschiedliche Gruppen mobilisiert bzw. demobilisiert.

MEI-Befürworter blieben dem Ecopop-Entscheid eher fern, während die von der Ecopop-Initiative neu Mobilisierten meist ein Nein einlegten

Wer wurde bei der Ecopop-Abstimmung demobilisiert? Es waren die MEI-Befürworter, die sich etwas stärker ins Lager der Abstinenten verabschiedeten als die seinerzeit Nein-Stimmenden. Über diesen «Demobilisierungseffekt» der MEI-Befürworter wurde bereits kurz nach der Abstimmung vom November 2014 spekuliert, im Übrigen auch (und zeitlich zuerst) in diesem Blog. Und in der Tat war dem so (andernfalls hätten wir diesen Umstand «geflissentlich übersehen»). Aber das war nicht der Hauptgrund für das im Vergleich zum MEI-Erfolg (50.3 % Ja) nur etwa halb so gute Abschneiden der Ecopop-Initiative (25.9%). Zwei andere Gründe waren noch wichtiger: Erstens, den Gegnern der Ecopop-Initiative gelang es viel besser, ihre Anhängerschaft unter den unregelmässigen Urnengängern zu mobilisieren als den Ecopop-Befürwortern. Denn die allermeisten derer, die noch im Februar der Urne fernblieben, aber im November partizipierten, stimmten Nein zu Ecopop. Der zweite Grund war: Viele, die zur MEI noch ein «Ja» einlegten, stimmten Nein zu Ecopop. Hingegen gab es kaum jemanden, der die MEI ablehnte, aber dem Ecopop-Begehren zustimmte.

Grüne lehnten beide Vorlagen deutlich ab, die SVP-Anhängerschaft blieb der November-Abstimmung eher fern

Wer waren die Demobilisierten, wer die Mobilisierten und zuletzt: wer waren die «Wechselwähler»? Darüber informiert nachfolgende Grafik, die aufzeigt, wie die verschiedenen Parteianhängerschaften stimmten. Die «Heatmap» zeigt auf den ersten Blick, wie der grössere Teil der jeweiligen Parteianhängerschaft gestimmt hat. Dabei darf eines nicht vergessen werden: Angesichts der Partizipationsraten (nur etwa die Hälfte nahm an den jeweiligen Urnengängen teil) ist das Feld derer, die an beiden Abstimmungen fernblieben, bei den meisten Parteianhängerschaften dasjenige mit den meisten Fällen. Klicken Sie hier, um die Grafik auf ihrem Mobilgerät zu sehen.

Die an Urnengängen teilnehmenden SVP-Anhänger haben die MEI fast einstimmig angenommen, sind dann aber zu etwa gleichen Teilen ins Lager der Ecopop-Befürworter (38%), -Gegner (33%) und Nichtteilnehmenden (30%) geströmt. Die Demobilisierung war bei den SVP-Anhängern dabei besonders stark: Fast jeder dritte MEI-Befürworter aus ihren Reihen enthielt sich bei Ecopop der Stimme.[4] Diese Demobilisierung war nur noch bei den Lega-Anhängern stärker, die sich – wie übrigens das ganze Tessin – am 30. November unterdurchschnittlich beteiligten. Mit anderen Worten: Die (glücklichen, weil knappen) Sieger vom 9. Februar blieben der Urne am 30. November überdurchschnittlich häufig fern. Hinzu kommt, dass viele das «Lager wechselten»: Am 9. Februar hatten die SVP-Wähler noch Ja gestimmt, nun legte ein erheblicher Teil von ihnen ein Nein in die Urnen. Allerdings hatte dies wohl wenig mit Meinungsänderung zu tun. Die Parole der SVP zu Ecopop lautete ja ebenfalls Nein, ohne dass sich zwischenzeitlich etwas an der Haltung der Parteispitze zur selbst vorgeschlagenen Zuwanderungsbegrenzung (MEI) geändert hätte. Das «Doppel-Nein» wurde von den Grünen am häufigsten in die Urnen gelegt. Mit Ausnahme der Nichtbeteiligung an beiden Urnengängen kam keine andere Stimmkombination bei den Grünen auch nur im entferntesten an diesen Wert heran. Dies ist einerseits wenig überraschend, aber andererseits auch nicht trivial. Immerhin stammte die Ecopop-Initiative teilweise aus ihren Reihen.

Eine nicht unerhebliche Zahl der FDP-Anhänger nahm erst bei der Ecopop-Abstimmung teil und legte fast einstimmig ein Nein in die Urnen

Bei der FDP und der CVP wiederum ist der Anteil derer, die vom Lager der MEI-Befürworter ins Lager der Ecopop-Gegner wechselten, vergleichsweise hoch, wenn auch nicht so hoch wie bei der SVP. Immerhin aber lässt sich festhalten, dass der zuvor genannte zweite Hauptgrund für das deutlich schlechtere Abschneiden der Ecopop-Initiative – viele «Wechselwähler» vom MEI-Ja zum Ecopop-Nein – hauptsächlich auf das Konto der SVP und der beiden Mitte-Parteien geht. Der erstgenannte Grund (Neumobilisierte stimmten grossmehrheitlich Nein) wiederum hatte vor allem mit der FDP-Wählerschaft zu tun: 24 Prozent, die dem MEI-Votum noch fernblieben, legten ein Nein zu Ecopop in die Urne, während nur gerade zwei Prozent ein Ja einwarfen (der Rest derer, die am 9. Februar nicht teilnahmen, beteiligte sich auch am 30. November nicht). Kurz, bei keiner anderen Wählerschaft war die Neu-Mobilisierung von Ecopop-Gegnern derart stark wie bei der FDP-Wählerschaft.[5]

Stabile Haltungen, aber teils unausgeschöpfte Mobilisierungspotenziale

Was bedeuten diese Zahlen für die anhaltende Diskussion über die «wahren» Motive und Haltungen der Stimmbürger zu Zuwanderung, Personenfreizügigkeit und Bilaterale? Es ist klar, sie sagen nach wie vor nichts genaues darüber aus, was in den Köpfen der Stimmenden vorging, als sie entweder «Ja» oder «Nein» auf den Stimmzettel schrieben, sofern sie überhaupt etwas darauf schrieben. Es ist aber wenig realistisch, davon auszugehen, dass etwa ein Drittel der SVP-Anhängerschaft seine Meinung zu Zuwanderung und Europa geändert hätte. Die Aussage, dass das Elektorat zwischen den beiden Urnengängen seine Haltung geändert hat, wäre ohnehin nur dann zulässig, wenn beide Male über dasselbe abgestimmt worden würde. Das war aber offenkundig nicht der Fall. Die Ecopop-Initiative ging weiter als die MEI, was auch daran erkennbar ist, dass ihre Unterstützung im Parlament deutlich geringer war als diejenige der MEI. Kurz, das Gros der SVP-Wähler (und weiterer MEI-Befürworter) hat ihre Haltung zur Zuwanderungsproblematik wohl kaum geändert, sondern das Ecopop-Begehren abgelehnt, weil es zum einen radikaler als die MEI war und zum anderen von ihrer bevorzugten Partei zur Ablehnung empfohlen worden war. Vieles spricht demnach dafür, dass die grundsätzlichen Haltungen zu Europa und der Zuwanderung mehr oder weniger stabil geblieben sind. Allerdings zeigt die starke zusätzliche Mobilisierung der Bilateralen-Anhänger bei der Ecopop-Abstimmung, dass dieses Lager im Vergleich zum MEI-Votum durchaus noch Luft nach oben hat. Zugegegeben, dies ist ein Stück weit Spekulation, denn wir wissen nicht genau, was diejenigen motivierte, die der MEI-Abstimmung noch fernblieben, dann aber mit überwältigender Mehrheit die Ecopop-Initiative verwarfen. Aber ganz abwegig erscheint der Gedanke nicht, dass sie dies zur Bewahrung der Bilateralen taten, die sie durch die MEI und erst recht durch Ecopop gefährdet sahen.

Thomas Milic und Basil Schläpfer

[1] Foto: Flickr|Jan Zuppinger

[2] Auf Deutsch übersetzt, lautete die Abstimmungsfrage: «Muss der Entwurf einer Vereinbarung von Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds akzeptiert werden, welcher am 25.06.2015 eingereicht wurde und aus zwei Teilen besteht, die in einem einzigen Vorschlag zusammengefasst sind?»

[3] Hier geht es zum Beitrag auf SRF.

[4] Lesen hierzu auch die Auswertung von Peter Moser.

[5] Auch hier empfehlen wir wieder Peter Mosers Auswertung der Zürcher Gemeindedaten – er gelangte zu ganz ähnlichen Schlüssen.

Methodik: Die Datengrundlage bildeten die 20 Minuten-Vorwahlumfragen vom 16/17. Juni 2015 mit rund 24’000 Teilnehmern. Diese Daten wurden nach soziodemographischen und politischen Kriterien gewichtet. Die MEI wurde im ungewichteten 20 Minuten-Sample im Übrigen mit 54.6 Prozent angenommen (+4.3% Differenz zum effektiven Resultat), Ecopop mit 74.8 % (+0.7% Differenz) abgelehnt. Wenn wir die entsprechenden Vox- und 20 Minuten-Daten vergleichen, so stellen wir fest, dass es beruhigenderweise nur geringfügige Unterschiede gibt: Die grösste Differenz besteht bei denjenigen, die bei der MEI-Abstimmung der Urne fernblieben, die Ecopop-Initiative sodann ablehnten. Im 20 Minuten-Sample liegt der entsprechende Wert 6 Prozentpunkte über dem Wert, der in der Vox ermittelt wurde. Darüber zu spekulieren, welcher Wert näher am “wahren” Wert in der Grundgesamtheit liegt, ist müssig. Denn es lässt sich ohnehin nicht überprüfen. Letztlich haben wir uns für die 20 Minuten-Daten entschieden, weil sie ihrer hohen Fallzahl wegen eine Analyse auf der Ebene der einzelnen Parteianhängerschaften ermöglicht: So lagen im 20 Minuten-Sample für die Lega dei Ticinesi beispielsweise 209 Fälle vor, während sich in der entsprechenden Vox-Stichprobe nur gerade 9 Befragte zur Lega bekannten.

Hinsichtlich der Teilnahme liegen jedoch beide Datensätze nachweislich daneben. In beiden Umfragen gaben deutlich mehr Befragte an, teilgenommen zu haben, als dies effektiv der Fall war. Dies ist ein allseits bekanntes Phänomen bei Umfragen: Politisch Involvierte nehmen viel eher an politischen Umfragen teil als solche, die sich nicht für Politik interessieren. Deshalb haben wir die «Wanderungsbilanzen» zwischen Teilnehmenden und Nicht-Teilnehmenden nach den St. Galler Registerdaten gewichtet. Diese ermöglichen – zumindest für die Stadt St. Gallen – die Rekonstruktion der Wechselströme zwischen Teilnahme und Nichtteilnahme. Nimmt man die St. Galler Registerdaten als Referenz, liegen die gewichteten 20 Minuten-Daten jedoch gar nicht derart weit daneben. Die Wanderungsbilanz zwischen Nicht-Teilnehmenden und Teilnehmenden wird im ungewichteten Datensatz (wahrscheinlich) um lediglich rund 5 Prozent überschätzt. Allerdings – und darauf deutet das zuvor in Klammern gesetzte «wahrscheinlich» hin – ist die Frage erlaubt, ob denn die Stadt St. Gallen (bzw. deren Wanderungsbilanz) auch tatsächlich repräsentativ für die Gesamtschweiz steht. Wir wissen es nicht, aber ein Vergleich zwischen den Ergebnissen in der Stadt St. Gallen und dem nationalen Ergebnis lässt vermuten, dass dem annäherungsweise so ist: Die Beteiligungshöhe in der Stadt St. Gallen betrug bei der MEI-Abstimmung 55.4 (schweizweit: 56.6%), bei der Ecopop-Abstimmung 51.0 Prozent (schweizweit: 50.0). Die St.Galler Werte liegen demnach sehr nahe bei den nationalen Werten. Übrigens haben wir für die Gewichtung nur diejenigen St. Galler und St. Gallerinnen berücksichtigt, die an beiden Urnengängen in der Stadt St. Gallen als Stimmberechtigte registriert waren. Daraus entsteht eine – allerdings wohl ziemlich geringe – Differenz zum schweizweiten Ergebnis, weil Stimmbürger ja sterblich sind, Erstwähler und Eingebürgerte hinzukommen, etc..
Zuletzt wird sich manch einer möglicherweise die Frage stellen: Warum wurden nicht einfach die St. Galler Registerdaten verwendet? Warum die komplexe Gewichtung von Umfragedaten, wenn doch offizielle, prozessgenerierte (aber selbstredend anonymisierte!) Daten vorliegen? Die ganz einfache Antwort darauf lautet: Es gilt das Stimmgeheimnis. Und deshalb wissen wir nicht, wie die St. Galler und St. Gallerinnen gestimmt haben (und welche Parteipräferenz sie haben), sondern lediglich, ob sie gestimmt haben.